Remembrance Sunday / Volkstrauertag, Glencree,
13 November 2005:

Die Rede von Ingrid Kürpick.




Exzellenz, liebe Freunde und Gastgeber, sehr geehrte Damen und Herren, für Ihre Einladung zu dieser mich überraschenden Begegnung danke ich Ihnen.

Gern bin ich Ihr nachgekommen. Sie haben mir damit eine große Freude bereitet und damit viele Erinnerungen in mir wachgerufen.

Es war im Jahr 1948, drei Jahre nach Beendigung des schrecklichen Zweiten Weltkrieges, als das Irische Rote Kreuz deutsche Kinder zu einem sechsmonatigen Erholungsaufenthalt in Irland einlud. Das war nicht selbstverständlich für Kinder eines Landes, das eine so große Schuld auf sich geladen hat. Auch ich gehörte als 9jähriges Mädchen zu den Glücklichen, die an diesem Aufenthalt teilnehmen durften.

Im vergangenen Jahr 2004 hatten meine Tochter Stefanie und mein Schwiegersohn Frank eine wunderbare Idee. Sie schenkten mir zu meinem Geburtstag eine Reise nach Irland – nach Glencree. Das war für mich eine große Freude. So habe ich nach 56 Jahren Glencree wiedergesehen. Ich war sehr aufgeregt, als ich durch das mächtige Portal dieses Hofes ging (damals gab es noch ein großes geschmiedetes Eisentor). Die kleine, mir damals liebgewordene Kirche, das Haus, in dem wir wohnten und in dem wir Schulunterricht hatten, der Hof und die Klosterruinen, in denen wir spielten, standen mir plötzlich lebhaft vor Augen. Mein Herz schlug mächtig. Viele schöne Erinnerungen an diese Zeit, an Glencree und seine Umgebung wurden wach:

* Braunes Wasser, in dem wir gebadet wurden, kannten wir nicht.

* Das gute Essen und die Süßigkeiten, die uns in der Nachkriegszeit unbekannt waren.

* Voll Freude denke ich an das Weihnachtsfest 1948. Wir spielten Theater: Die Geschichte der Heiligen Nacht von uns Kindern mit Hilfe unserer Lehrerinnen und Betreuerinnen dargestellt, denen ich sehr zu Dank verpflichtet bin.

* Dann kam Santa Claus mit vielen, vielen Geschenken: Alles Gaben von liebenswürdigen, freundlichen Menschen Ihres Heimatlandes.

* Im irischen Rundfunk wurde über das Ereignis sogar eine Sendung ausgestrahlt. Ich selbst durfte Grüße an meine Mutter und meine Schwester ausrichten. Mein Vater war damals noch in russischer Kriegsgefangenschaft und wir hatten noch keine Nachricht von ihm.

* Täglich hatten wir Schulunterricht und lernten ein wenig die englische Sprache. Insbesondere erinnere ich mich an einige englische Lieder, die wir gern und kräftig mit vollem Herzen gesungen haben, wie zum Beispiel:

My bonny is over the ocean ...

It’s a long long way to Tipperary...

How much is the doggy in the window ...


sowie an das schöne Lied,

Should old aquaintance be forgot...

Als unsere Zeit nach einem halben Jahr in Glencree zu Ende ging, und bevor wir doch ein wenig wehmütig heimfuhren nach Deutschland, bekamen alle Kinder neue Kleider. Dann sahen wir genau so aus wie irische Kinder und waren stolz darauf.

Es sind für mich wunderbare kindliche Erinnerungen an diese Zeit in Ihrem schönen Land und an die liebenswerten Menschen, die viel Gutes für uns getan haben. Da werde ich nie vergessen.

Diese Zeit meiner «ersten Weltreise» hat mich geprägt und einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen. Immer wieder habe ich in den vergangenen nahezu 60 Jahren davon erzählt. Nach so langer Zeit empfinde ich in mir eine große Dankbarkeit gegenüber dem irischen Volk, daß uns Deutschen, die soviel Unheil in der Welt angerichtet haben, diese liebevolle Geste der geschwisterlichen Liebe und des Wohlwollens entgegengebracht wurde. Sie haben an uns Kindern von damals nicht nur Ihre Großherzigkeit bewiesen, sondern den Grund dazu gelegt, das Ziel, mit allen Völkern in Frieden und Eintracht zu leben, immer vor Augen zu haben.

So möchte ich Ihnen von Herzen danksagen für die große Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und dabei jene Menschen mit einschließen, die damals für uns gesorgt haben und nicht mehr unter den Lebenden weilen. Ich wünsche Gottes Segen für Sie, für Irland und alle Tage den Schutz des Heiligen Patrick.

Ich danke Ihnen.


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Bemerken Sie, bitte, dass die Rede wurde auf Englisch mehr als auf Deutsch von Ingrid gehalten.
Ich bin ihrer Tochter, Stefanie, sehr dankbar dafür dass sie mir den Text auf Deutsch sowie auf Englisch ganz hilfbereit geschickte.
English

Glencree: Volkstrauertag

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